Heiß

(Varmt)
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
1D / 2H

Zwei namenlose Männer auf der Mauer eines Kais. Es ist heiß. Heiß wie damals in dem Sommer, als sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Wie lange ist das her? Die Männer wissen es nicht mehr. Sind sie sich überhaupt je begegnet? Doch, müssen sie wohl, sie kennen sich. Und war es nicht sogar hier, auf diesem Kai, vor ihnen das Meer, in ihrem Rücken dasselbe Haus, in das sie dann mit ihr gegangen sind, der Frau, die jetzt plötzlich wie eine Fata Morgana wieder neben ihnen steht? Wie damals trägt sie einen schwarzen Badeanzug. Er spannt sich um ihren Körper, schneidet in die weiße Haut. Altes Begehren erwacht und mit ihm alte Konkurrenz. Oder hatte beides ohnehin nie aufgehört? Ist seit Ewigkeiten da, wie auch die Männer nie fort gewesen sind, Gefangene eines Phantasmas, während die Frau wegging und die Kinder der Männer großgezogen hat, allein? Vielleicht ist der eine Mann auch Wiedergänger des anderen, eine Erinnerung, die nun leise implodiert und um sich kreist. Die Zeit, soviel steht fest, ist aus den Fugen. Mit Worten, die Beschwörungsformeln gleichen, suchen sich Jon Fosses Figuren ihres Da-Seins zu versichern und verlieren dabei mehr und mehr den Halt.

Jon Fosse

Jon Fosse

Jon Fosse geboren 1959 in der norwegischen Küstenstadt Haugesund, aufgewachsen am Hardanger-Fjord, lebt seit Ende der siebziger Jahre in Bergen. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Dozent an der Akademie für kreatives Schreiben in...

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U: 27.09.2005 Deutsches Theater Berlin (Regie: Jan Bosse)