Lulu arbeitet in einem Chatroom für Internetsex, eine Webcam ist auf sie gerichtet. Anonyme Freier geben ihr per Tastatur Anweisungen, sie führt aus, was die Fremden von ihr verlangen.

Sie ist nicht die Einzige hier. Ihre Welt teilt sie mit anderen Frauen, die sich ebenfalls prostituieren, vor der Kamera und auf der Straße. Für die Freier heißen sie alle Lulu. Und auch den Männern, für die sie arbeiten und die letztlich das Geld kassieren, sind ihre persönlichen Schicksale egal, solange sie funktionieren und keinen Ärger machen.

Doch genau das ist Lulus Problem. Ihr Kind, der einzige Mensch, den sie selbstlos liebt, ist verschwunden, und es gelingt ihr nicht, es zu vergessen. Haben ihre Chefs es zu einem Kindercasting für Nachwuchsstars gebracht, wie sie anfangs noch glaubt? Ist es ihr weggenommen und an kinderlose Reiche verkauft worden, wie es angeblich
den Kindern ihrer Kollegin passiert ist? Gibt es das Kind überhaupt, oder ist Lulu bloß durchgedreht, irgendwann auf einem Trip hängngeblieben, von dem sie nicht mehr runterkommt?

Im Auftrag der Münchner Kammerspiele haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel Wedekinds Skandalstück von 1894 radikal neu gefasst und auf die heutige Zeit umgedeutet. Nicht die bürgerliche Doppelmoral steht hier mehr auf dem Prüfstand: wo die alles umfasende Kapitalisierung auch die Körper längst erfasst hat, ist moralisch, was Geld bringt, und in der Sicherheit des Internets muss sich kein Freier mehr die Hände schmutzig machen.

Lulu Live wird im Oktober 2005 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Regie führt Luk Perceval, der dort schon Zaimoglus/Senkels Neuübersetzung von William Shakespeares Othello inszenierte.