Ein liebender Mann

5D / 6H, Doppelbesetzungen möglich

1823 in Marienbad begegnet Goethe, 73-jährig, der 19-jährigen Ulrike von Levetzow und verliebt sich in sie. Der alte Mann ist fast schockiert vom Ungestüm seiner Gefühle und mindestens ebenso überrascht von ihrer vertrauten Leichtigkeit. Fernab Goethes Weimarer Arbeitswelt flaniert das Paar mit wachsendem Einverständnis durch den sommerlichen Kurort und prüft sich in geistreichen Wortgefechten, bei denen Ulrike den Dichterfürsten durch ihre unverstellte Art und streitlustigen Widerworte herausfordert und bezaubert. Natürlich bleibt, was vor der Welt nur als Skandal gelten kann, nicht ungetrübt – durch die eigene Befangenheit angesichts des Altersunterschieds, die Einwände von Ulrikes Mutter und einen jungen Nebenbuhler, der so heißblütig auftritt, wie Goethe es nie sein wollte und als Greis nicht mehr sein kann. Doch Goethes ärgster Feind ist seine eigene Skepsis. Ist nicht alles, was er denkt, schon vollendet vorformuliert, ist nicht jede seiner Empfindungen längst zum Zitat geronnen? In schwachen Momenten scheinen ihm selbst die Marienbader Elegien, dieses „bedeutendste intimste Gedicht seines Alters“ (Stefan Zweig), mit dem er die Trennung von Ulrike verarbeitet, nur die schale Sublimierung des Erlebten zu sein. Durch diese selbstzweiflerische Verzehrung wird Goethe umso mehr, was er nicht mehr glaubte, sein zu können: ein liebender Mann.

Martin Walser

Martin Walser

geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le ...

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U: 01.10.2010 Meininger Theater (Regie: Ansgar Haag)

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